Integraler Journalismus

Was, wenn Journalismus noch gesellschaftsdienlicher wäre? Und journalistische Arbeit noch sinnvoller? Und was, wenn sich das besser verkauft – auch bei jüngeren Menschen? 

Wozu das Ganze?

Hochwertiger Journalismus ist wundervoll und faszinierend. All die mutigen Reporter:innen, die aus Krisengebieten berichten. All die Rechercheur:innen, die unerschrocken Missstände aufdecken. All die Redakteurin:innen, die sich Knoten in ihre Hirne denken, um möglichst viel Ordnung und Sinn in den rasenden Fluss der Ereignisse zu bringen. 

Millionen Menschen können sich erst dadurch ein Bild von der Welt machen. Unsere demokratische Gesellschaft wird dadurch erst möglich. Doch leider hat der aktuelle Journalismus noch viele gesellschaftsschädigende Nebenwirkungen.

Der öffentliche Diskurs …

… folgt oft dem Motto »Streit schafft Reichweite«. Konflikte werden oft überbetont, Synthese konträrer Meinungen selten angestrebt. Sehr viele Menschen sehen das Abend für Abend in Talkshows. Das normiert eine wenig hilfreiche Diskurskultur.

Die negative Newsflut...

… erzeugt Angst-, Verzweiflungs- und Ohnmachtsgefühle. Eine Handreichung, wie man damit umgeht, liefert sie fast nie. Das dürfte dazu beitragen, dass Menschen seelisch krank werden. Es lässt sich schwer messen, wie groß dieser Effekt ist. Aber er ist sicherlich größer als null.

Die Verzweiflung …

… die viele Berichte erzeugen – teils gezwungenermaßen, teils für Quote und Klicks –, führt zu sogenanntem »News Detox«. Laut aktuellen Umfragen verfolgt bereits jede:r Zehnte phasenweise keine Nachrichten mehr. Eine Demokratie braucht aber informierte Bürger:innen. 

Der Fokus der Berichte …

… das Skandalisieren, das Ausschlachten von Fehlern, der Fokus auf Randaspekte großer Probleme statt auf Systemzusammenhänge: All das trägt zu kurzatmigen Gesetzen bei, die Partikularinteressen überbetonen. Und es gibt fragwürdige Incentives, wer in der Politik Karriere macht.

Was ist integraler Journalismus?

Das Wort »integral« bedeutet sowohl »wesentlich« als auch »ganzheitlich«. Integraler Journalismus soll genau das leisten: Er kombiniert in wesentlichen Punkten klassischen Journalismus mit anderen Wissensbereichen – etwa der Psychologie, Neurologie und Systemtheorie — und macht ihn so ganzheitlicher. 

Es werden stets konkrete Methoden aus diesen Bereichen genutzt, um die journalistische Arbeit an neuralgischen Stellen zu bereichern. Breiteres theoretisches Hintergrundwissen ist zur Anwendung nicht nötig.

Ziele

Oberziel ist eine möglichst hohe Gesellschaftsdienlichkeit. 

Unterziele sind:

  • eine Synthese möglichst vieler Perspektiven (Verständnisräume),
  • mehr Empathie (Verbindungsräume) 
  • und ein stärkerer Fokus auf Zukunftspotenziale (Möglichkeitsräume).


Das alles zusammen soll zu qualitativ hochwertigeren Informationen führen. Und damit zu besser informierten Bürger:innen. 

Und es soll dazu beitragen, dass sich der öffentliche Diskurs weiterentwickelt – und mit ihm die Qualität der Beziehungen und sozialen Felder in unserer Gesellschaft. Denn erst das ermöglicht Lösungsansätze für die komplexen Probleme unserer Zeit.

Die drei Unterziele definieren die Hauptfelder des integralen Journalismus: Kognition, Emotion und Emergenz. 

Kognition

Im Feld Kognition geht es darum, mehr Perspektiven in angemessener Gewichtung in die Berichterstattung einzubeziehen.
 
Hilfreich dafür sind unter anderem ein kompetenter Umgang mit Polaritäten und kognitiven Verzerrungen. Ein Meta-Blick auf unsere Subjektivität. Mehr Bewusstsein für archetypische Narrative, die unser Denken strukturieren. 

Emotion 

Im Feld Emotion geht es um tiefere Resonanz mit Protagonist:innen, Audience, dem kulturellen Kontext und sich selbst als Reporter:in.
 

Hilfreiche Techniken sind zum Beispiel die Focusing-Methode, die Polyvagaltheorie, Carl Rogers' personenzentrierte Gesprächsführung und Arthur Clarks Integraler Empathieansatz. 

Emergenz

Das Feld Emergenz richtet den Fokus auf das, was am Entstehen ist. Das ermöglicht einen Journalismus, der Potenziale erkennt (statt Prognosen aus der Analyse der Vergangenheit abzuleiten). Berichte können so wieder mehr Lust auf die Zukunft machen.
 
Hilfreiche Ansätze sind beispielsweise der Solution Based Journalism, Training von Ambiguitätstoleranz und die Regnose-Technik. 

Alles drei zusammen

Neben den beschriebenen Methoden, gibt es einige universelle, die den Journalismus gleich in allen drei Feldern voranbringen.

Dazu zählen: Jane Loevingers Modell der Ich-Entwicklung, Otto Scharmers Theory U, Niklas Luhmans News-Selektoren und Edith Friesens integrale Schreibtechniken.

Methodik

Aus folgenden Wissensbereichen werden Methoden und Techniken übernommen.

Entwicklungspsychologie

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Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger, Susanne Cook-Greuter und Thomas Binder. Modell hierarchischer Komplexität nach Michael Commons. Spiral Dynamics nach Don Beck. Stufenentwicklung nach Ken Wilber. Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg. 

Narrationspychologie

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Narrationspsychologie nach Dan McAdams. Journalistische Mythenforschung nach Jack Lule. »Complicating The Narratives«-Ansatz nach Amanda Ripley.

Kognitionspsychologie

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Kognitionspsychologie nach Daniel Kahneman. Polaritäten-Management nach Barry Johnson. Wertetrapez nach Friedemann Schulz von Thun. Ambiguitätstoleranztraining nach Aliki Nicolaides. Typologie der kognitiven Verzerrungen nach Buster Benson. 

Emotionspsychologie

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Personenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers. Focusing nach Eugene Gendlin. Achtsamkeit nach John Kabat-Zinn. Selbstmitgefühl nach Kristin Neff.

Neurologie

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Polyvagaltheorie nach Stephen Porges.

Systemtheorie

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Otto Scharmers Theory U. Forschung zu sozialen Subsystemen nach Niklas Luhmann.